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Das "braune Gold"

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Das "braune Gold"

In dieser Zeit des Niedergangs entdeckte ein junger Arzt den eigentlichen Reichtum des Aiblinger Landes: sein Moor. Der in Ebersberg geborene Desiderius Beck ließ sich 1838 als Gerichtsarzt in Aibling nieder. Angesichts der Erfolge, die man in Karlsbad und Franzensbad bei rheumatischen Erkrankungen durch Schlamm- und Solebäder erzielte, witterte er seine Chance. Die Nähe der Rosenheimer Saline und die Hochmoore rund um Aibling legten es nahe, vergleichbare Behandlungsmethoden auch hier zu erproben. Erste Versuche verliefen vielversprechend. So legte Dr. Beck 1844 den Grundstein eines Badehauses und eröffnete am 1. Mai 1846 die erste Sole- und Moorschlamm-Badeanstalt Bayerns. Aber die Zeit war noch nicht reif. Obwohl er sich nach Kräften bemühte, den gehobenen Ansprüchen seiner Gäste gerecht zu werden und zu diesem Zweck eigens einen Ver­schö­­nerungsverein sowie eine Liedertafel gründete, musste Beck das defizitäre Bad nach nur neun Jahren verkaufen.

Auch seine Nachfolger agierten eher glücklos. Erfolg hatte erst der Münchner Apotheker Karl von Berüff, der Becks Anstalt am Ende übernahm. Denn mit dem wirtschaftlichen Schub der Gründerjahre kam 1871 auch die große Zeit der Bäder. Berüff taufte sein Hotel dem Bayernkönig zu Ehren „Ludwigsbad“. An Stelle der alten Posthalterei am Marienplatz entstand das „Kurhotel Duschl-Post“. Innerhalb von zwanzig Jahren folgten sechs weitere große Kurhotels. Auch das Gaststätten-Gewerbe erlebte eine Revolution: Die seit dem 16. Jahrhundert bestehenden fünf Brauhäuser des Kurorts kamen sämtlich in den Besitz der Familie Duschl-Wild. Der Ökonomierat und langjährige Bürgermeister Franz Xaver Wild formte daraus ein Gaststätten- und Hotelimperium. Entlang der Glonn errichteten währenddessen frisch angesiedelte Kurärzte eine Reihe eleganter Gründerzeit-Villen mit pompösen Namen wie „Villa Wahnfried“.

Ein typisches Schicksal erfuhr dabei Burg Pullach nahe Aibling. Im 14. Jahrhundert hatte hier das Falkensteiner Ministerialengeschlecht der Auer gesessen. Nach manchen Wechselfällen fiel der Bau in bürgerliche Hände und wurde zeitweise als Draht- und Schraubenfabrik missbraucht. Doch 1875 erbarmte sich ein Adeliger aus dem Bayerischen Wald und ließ das halbverfallene Gemäuer zum eleganten Wasserschloss umgestalten.

Es war für Aibling eine stolze Zeit. Russische Großfürsten besuchten die Bäder ebenso wie Bayerns Adel und die Prominenz der deutschen Bühne. Dem Künstlerduo Wilhelm Leibl und Johann Sperl wurde das mondäne Treiben schließlich so lästig, dass es sich ins idyllische Kutterling zurückzog. Nur der Initiator des Aufschwungs erlebte diese Blüte nicht. Dr. Desiderius Beck starb verarmt und verbittert 1877. Dabei hatte er als erster die Heilwirkung des Aiblinger Moores und ihre Ursachen erkannt: Entscheidend war der hohe Gehalt an Huminsäuren und Bitumina; vor allem aber die Fähigkeit des langfaserigen Naturmoors, Wärme zu speichern und gleichmäßig an den Körper abzugeben. Durchblutungsstörungen, rheumatische Versteifungen und chronische Entzündungen können so mit großem Erfolg behandelt werden, eine Methode, die bis heute die Therapie der Kurorte im Mangfalltal bestimmt.

Am 17. Mai 1895 kam dafür die „allergnädigste“ Bestätigung: Prinzregent Luitpold, selbst ein regelmäßiger Besucher der Aiblinger Heilstätten, verlieh dem Markt zum 50. Jubiläum des Moorbetriebs den heiß begehrten Titel „Bad“. Durch hartnäckigen Einsatz der Aiblinger gelang es 1900 auch, die Bezirksverwaltung zurückzuerhalten. 1907 konnte neben dem alten Irlachschlösschen das Kurhaus eröffnet und ein weitläufiger Kurpark angelegt werden. Nur wenige Fabrikansiedlungen fassten in der Folge Fuß, darunter ein Marmorwerk und eine Dampfmolkerei.

Feilnbach schloss sich dieser Entwicklung erst wesentlich später an. Zunächst belieferte sein Presstorfwerk die Rosenheimer Saline mit Brennstoff. Dieses Schattendasein änderte sich, als Feilnbach 1897 mit Bad Aibling durch eine eigene Bahnlinie verbunden wurde – die erste elektrifizierte Nebenbahnstrecke im Deutschen Reich. Bald darauf verabreichte man auch hier erfolgreich erste Moorkuren. 1973 erhielt auch Feilnbach den Titel „Bad“.

Am Anfang bedeutete die Moorgewinnung noch einen ungebremsten Raubbau an natürlichen Ressourcen. Heute wird der kostbare Rohstoff so abgebaut, dass ein organischer Kreislauf entsteht. Der Moorschlamm fließt nach Gebrauch in die ausgehobenen Becken zurück. Sorgfältige Bepflanzung und weitere Renaturierungsmaßnahmen sorgen dafür, dass der Torf nach einigen Jahrzehnten wieder bis zum Grund durchwurzelt ist und erneut für die Therapie zur Verfügung steht. 

Aus dem Buch „Herrliches Rosenheimer Land“, Christine und Klaus J. Schönmetzler, Kurt Schubert, Klaus G. Förg, Edition Förg, 2002

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